Klettern Sie auf diesen Baum!

Vielleicht kennen Sie diesen berühmten Cartoon von Hans Traxler: Sieben Tiere – ein Pudel, ein Seelöwe, ein Goldfisch, ein Elefant, ein Marabu, ein Affe und eine Elster – stehen vor einem Prüfer, der sie mit der folgender Aussage konfrontiert:

„Zum Ziele einer gerechten Auslese lautet die Prüfungsaufgabe für Sie alle gleich: Klettern Sie auf den Baum!“

Mir fällt dieser Cartoon häufig ein, wenn ich beschreiben soll, was Integration von körperbehinderten Schülerinnen und Schülern bedeuten kann. Denn mit Prüfungsaufgaben haben wir es ja in der Schule permanent zu tun. Und dabei kann es nicht Sinn und Aufgabe der Schule sein, „Gerechtigkeit“ dadurch herzustellen, dass alle die gleichen Aufgaben in gleicher Form bewältigen müssen. Ein hochintelligenter Schüler, der wegen seiner Behinderung die Arme und Hände nicht benutzen kann, muss die Möglichkeit bekommen, seine Fähigkeiten und sein Wissen in mündlichen Prüfungen unter Beweis stellen zu dürfen; einer Schülerin mit einer Sprachbehinderung muss ermöglicht werden, schriftlich darzulegen, was sie weiß und kann. Wer aufgrund einer Behinderung nur unter großen Anstrengungen zeigen kann, wozu er fähig ist, braucht eine Arbeitszeitverlängerung in Prüfungen. Das hat nichts mit Bevorzugung zu tun, sondern stellt lediglich einen Nachteilsausgleich dar. So wollen wir am Dante-Gymnasium zwar gerechte Behandlung und gerechte Prüfungssituationen für alle herstellen, aber eben nicht dadurch, dass – wie in Traxlers Cartoon – alle über einen Kamm geschoren werden, sondern indem wir auch jedem körperbehinderten Schüler individuell gerecht zu werden versuchen. Und dies betrifft nicht nur die Prüfungssituationen, sondern den Unterrichtsalltag insgesamt. Natürlich ist Behindertenintegration viel mehr als nur das Bemühen um eine faire Vorgehensweise bei Prüfungen und Benotung. Teilhabe aller Schüler am alltäglichen Leben: das muss das Ziel sein. Wichtig ist uns daher, dass unsere Körperbehinderten an möglichst allen schulischen Aktivitäten und Veranstaltungen teilnehmen können, auch wenn dies im Einzelfall einen erhöhten organisatorischen und pädagogischen Aufwand für Lehrkräfte und Schulleitung bedeutet. Aufgrund unserer langjährigen Erfahrung bei der Integration von Körperbehinderten wird dieser Mehraufwand aber meist gar nicht mehr als Besonderheit wahrgenommen, sondern ist schon fast alltäglich und selbstverständlich. Und so sollte es auch sein, denn Integration kann nur gelingen, wenn sie als selbstverständliches Miteinander im Alltag gelebt wird, an jedem Schultag und von allen Mitgliedern der Schulfamilie.

Gunter Johannes, Betreuer der körperbehinderten Schülerinnen und Schüler